Berichte
Beide Partnerschaftskreise haben es sich zur Aufgabe gemacht, in drei Berichten die bisherigen Erfahrungen der Partnerschaft zu reflektieren. Diese Berichte wurden auf der Jubiläumstagung vorgetragen und diskutiert.1. Entwicklung der Partnerschaft aus tansanischer Sicht von Anna Kingu
"Eines Tages suchten wir Partnerschaft, wir bemühten uns sehr. Wir haben unseren Herrn gebeten und fanden wahre Freundschaft." Diese Worte stehen in unserem Partnerschaftslied. Sie zeigen, dass die Leute in Missenye hochmotiviert waren, Geschwisterlichkeit mit den Menschen aus Deutschland zu bekommen.
Wir Menschen in Missenye empfangen diese Geschwisterlichkeit als Geschenk Got-tes an uns. Wir waren sehr froh zu hören, dass Bischof Kibira die Bitte der Plettenberger um Partnerschaft mit uns akzeptiert hat. Es war für uns klar, dass diese Geschwisterlichkeit in die Einheit der weltweiten Christenheit führt. Es war uns bewusst, dass die Grundlage unserer Geschwisterlichkeit das Einssein in Christus bedeutet. Dies ist im Hohepriesterlichen Gebet Jesu in Joh 17,21 nachzulesen.
In unserer Geschwisterlichkeit müssen wir die folgenden Namen nennen, die unsere Partnerschaft gestärkt haben: Unser ehemaliger Superintendent Hezekiel Balira. Er war eine wichtige Person in unserer Geschichte der Partnerschaft. Frau Dr. Ruth Risch gehört zu den Gründer/innen dieser Partnerschaft. Diese zwei Menschen können nie vergessen werden, wenn wir über unsere Partnerschaft sprechen. Sie legten die Grundlage in der Partnerschaft und betonten, dass es Geschwisterlichkeit ist, wenn wir unseren Herrn Jesus Christus verkünden und unsere Gaben und Fähigkeiten teilen.
Herr Lutaserwa und Mama Ruth haben in unserer Partnerschaft den Blick auch auf die gesundheitliche Situation der Menschen gelenkt. Dadurch haben wir den Dienst Jesu Christi, als er in der Welt war und die Menschen gesund machte, auch in unsere Partnerschaft integriert. Die Geschwisterlichkeit stärkt so auch die Gesundheit der Menschen. Die Igayaza Dispensary und jetzt auch die Bugango Dispensary sind für unsere gesundheitliche Versorgung sehr wichtig geworden.
Unsere Geschwisterlichkeit umfasst das ganze Leben der Menschen. "Der dir in der Not beisteht, ist ein wahrer Freund." Dies ist ein Sprichwort in Suaheli, das sich in unse-rer Partnerschaft bewahrheitet. Wir stehen einander bei in verschiedenen Situationen. M.O.S.S. ist ein wichtiges Beispiel dafür. Geschwister aus Missenye und Plettenberg nehmen ihre Verantwortung wahr, indem sie Waisenkinder in der Missenye-Region unterstützen und ihnen helfen. Diese Aufgabe wird im Sinne der Nächstenliebe durchgeführt; es werden nicht nur evangelische Christen, sondern Menschen aus der ganzen Bevölkerung unterstützt. Diese Entwicklung zeigt, dass unsere Geschwisterlichkeit auch Partnerschaft für die ganze Gesellschaft bedeutet.
Ich bin sehr froh, dass unsere Geschwisterlichkeit nicht einfach ein Hilfsverein ist, sondern die Einheit der Christenheit auf der ganzen Welt darstellt. Es geht nicht nur um Geldaustausch, sondern wir besuchen einander, wir beten füreinander, wir lernen uns kennen. Hier bei uns sind die Plettenberger ein Teil unserer Gemeinschaft. Ebenso fühlen auch wir uns in Plettenberg wohl. Ein ganz konkretes Beispiel dafür ist die Familie Lugemeleza, die in Plettenberg gewohnt und sich dort wohlgefühlt hat. Wir profitieren jetzt hier von ihren Erfahrungen.
Die Wahaya haben ein Sprichwort: "Wer eine Freundschaft kaputtmacht, soll sie auch wieder reparieren." Diese Freundschaft soll gepflegt und bewahrt werden, damit sie wächst. Niemand darf unsere Geschwisterlichkeit zerstören. Wir alle sind beauftragt, unsere Freundschaft zu bewahren. Wir werden dies schaffen, wenn wir füreinander beten, einander helfen, regelmäßig aktuelle Informationen austauschen und uns gegenseitig ermahnen, wenn es nötig ist. Lasst uns von Gott gestärkt werden in unserer Geschwisterlichkeit mit Freunde und Dankbarkeit.aus deutscher Sicht von Ursula Büsing
Unter Entwicklung versteht man im Allgemeinen einen Prozess der Entstehung und der Veränderung. Wir kennen das alle aus dem Leben: ein Kind wird geboren, es wächst heran, entwickelt sich zu einer Persönlichkeit. Unser ganzes Leben bedeutet Entwicklung. Man kann natürlich auch andere Entwicklungen betrachten: z.B. einer Gruppe, der Gesellschaft, die Entwicklung technischer Prozesse. Wir können neue Ideen entwickeln, sie sammeln, sortieren, sichten und neu kombinieren. Entwicklung ist also ein Prozess, der abläuft. Entwicklung beinhaltet aber auch das anzustrebende Ziel dieses Prozesses, was bedeutet: die Zukunft ist völlig offen.
Was versteht man unter Partnerschaft? Oder besser: Was verstehen wir unter Partnerschaft? Dies wird zum größten Teil schon bei der Schilderung der geschichtlichen Entwicklung deutlich, denn immer wieder finden sich hier Hinweise auf die Bedeutung dieses Begriffs für die Partner. Der bisherige Verlauf der Entwicklung der Partnerschaft war folgendermaßen:
Am 6.1.1983 wendet sich Pastor Rudolf Patt als Synodalbeauftragter für Mission und Ökumene im Kirchenkreis Plettenberg mit einem Brief an den Bischof der Nord-West-Diözese (NWD) der Evangelisch Lutherischen Kirche von Tansania (ELCT), Rev. Dr. Josiah Kibira. Er weist auf einen Beschluss der Synode des Kirchenkreises Plettenberg vom 13.6.1981 hin, der besagt, dass man eine Partnerschaft zu einem Kirchenkreis der NWD beginnen möchte. Durch die Vereinte Evangelische Mission (VEM) hatte er von der Zustimmung der Synode der NWD zu einer Partnerschaft mit dem Kirchenkreis Missenye erfahren. Am 20.01.1983 antwortet Bischof Kibira. Er freut sich über dieses Vorhaben und bittet, direkt mit dem Superintendenten des Kirchenkreises Kaskazini, Pastor Christian Lutahakana, Kontakt aufzunehmen. Er bittet um Kopie des Briefwechsels.
Am 26.4.1983 trifft sich der kreiskirchliche Ausschuss für Mission und Ökumene. Der Begriff Partnerschaft wird wie folgt definiert: "Partnerschaft ist gegenseitige Stärkung im Glauben, die Grundlage ist im Hohenpriesterlichen Gebet Jesu in Joh. 17 zu finden: "Auf dass sie alle eins seien". Man formuliert einen ersten Brief an die Gemein-den in Kaskazini / Missenye: "... Durch Bischof Kibira werden Sie erfahren haben, dass der Kirchenkreis Plettenberg gern in ein partnerschaftliches, brüderliches Verhältnis zum Kirchendistrikt Kaskazini in Missenye eintreten möchte. ... Es geht uns bei dem angestrebten Kontakt darum, mit evangelischen Christen in Tanzania bekannt zu werden. Wir möchten gern vom Glauben und Leben der Christen in Missenye für unseren Glauben und unser christliches Leben lernen. Mit diesen ersten Zeilen senden wir Ihnen herzliche, liebe Grüße. Wir möchten Ihnen sagen, dass wir uns freuen, mit Ihnen in unserem Herrn Jesus Christus verbunden zu sein." Diesen Brief beantwortet am 5.3.1984 nicht Pastor Lutahakana, sondern Pastor Hezekiel Balira. Er teilt mit, dass es seit dem 5.2.1984 den neuen Kirchenkreis Kaskazini B oder Missenye gibt. P. Balira ist Superintendent des neuen Kirchenkreises Missenye und sendet viele Informationen über Gemeinden und Mitarbeiter, über Gebäude, das Gemeindeleben und Pläne für die Zukunft dieses Kirchenkreises nach Plettenberg. "... Wir wünschen uns ebenfalls eine freundschaftliche Verbindung mit Ihnen." Am 26.6.1984 schreibt er u.a.: ... "Wie Sie wissen, beherrsche ich die deutsche Sprache nicht. ... doch wir können eine gemeinsame Sprache sprechen, nämlich die Sprache der Christen."
Pastor Dietrich Hempel, Pfarrer im Gemeindedienst für Weltmission, Region südliches Westfalen, besucht im Juni 1984 den Kirchenkreis Missenye, gemeinsam mit Pastor Dieter Litschel und Frau Ute Litschel, die in Bukoba leben und arbeiten und aus Plettenberg stammen.
Der Briefwechsel zwischen Pastor Patt und Pastor Balira mit gegenseitiger Information über die jeweiligen Kirchenkreise, über Planungen und Veränderungen, auch über die Familiensituation der beiden Pfarrerfamilien, wird fortgesetzt. Auch Fotos werden hin- und hergeschickt.
Nach zwei Jahren Briefkontakt ist es dann endlich soweit: die erste Delegation aus dem Kirchenkreis Missenye besuchte vom 1. bis 30. Juni 1986 den Kirchenkreis Plettenberg. Diese Gruppe ( zwei Männer und zwei Frauen) besteht aus wichtigen "offiziellen" Mitarbeitern des Kirchenkreises: der Superintendent, ein "Synodaler" und Schulrat, die Leiterinnen der Bethaniagruppen und der Jugendarbeit. Nach diesem Besuch schreibt Superintendent Balira: "Wir haben viele Freunde gefunden in Deutschland, Männer und Frauen. Wir haben die Freundschaft zwischen den Kirchenkreisen Plettenberg und Missenye gestärkt gefunden. Wir hoffen, dass diese Freundschaft mehr und mehr wachsen wird, indem wir daran bleiben, füreinander zu beten und sehr oft Briefe zu wechseln."
Nach zwei Jahren, 1988, erfolgt der Gegenbesuch, die erste Delegation aus Plettenberg besucht Missenye. Unmittelbar nach der Rückkehr der Delegation wird in Plettenberg ein "Partnerschaftskreis" gebildet, der mit den Aufgaben der Partnerschaft beauftragt ist. Dieser Kreis ist kein "Ausschuss" des Kirchenkreis, sondern bewusst ein "Arbeitskreis", in dem alle an der Partnerschaft Interessierten mitarbeiten können; er nennt sich bis heute "Arbeitskreis Partnerschaft Missenye-Plettenberg". Hier findet man zur Partnerschaft folgende Aussage: "Partnerschaft bedeutet für uns: Einander sehen, einander verstehen, einander beistehen."
1994: Superintendent Abel Lwabuhungu und Superintendent Wilhelm UbrigZu den Mitgliedern des Arbeitskreises zählen auch viele Delegationsmitglieder, die die Erfahrungen, die sie in Missenye gemacht haben, in ihre Gemeinden tragen und so zu Multiplikatoren für den Partnerschaftsgedanken werden. Von 1988 an finden alle zwei Jahre Besuche statt, sodass jeder Kirchenkreis nach jeweils 4 Jahren wieder Besuch aus dem Partnerkirchenkreis bekommt. Es ist wichtig, sich gegenseitig kennen zu lernen, um dadurch die Partner besser verstehen zu können. Man lernt das Familien- und Gemeindeleben kennen; sieht, wie die Glaubensgeschwister leben, arbeiten und ihren Glauben im täglichen Leben umsetzen. Durch dieses Sehen und Verstehen sind logischerweise auch einzelne Projekte (einander beistehen) entstanden; aber auch private Kontakte, die bis heute andauern. 1994 und 1996 waren jeweils Jugenddelegationen zu Besuch, denn: Partnerschaft braucht Beine, braucht auch jüngere Beine. Seit dieser Zeit gehören zu jeder Besucherdelegation Jugendliche.
Und jetzt noch eine kleine Statistik: Wenn wir alle Besucher und Besucherinnen seit Beginn der Partnerschaft zusammenrechnen, dann haben mit der Delegation in diesem Jahr 33 Menschen aus Missenye den Kirchenkreis Plettenberg besucht und 33 Menschen aus Plettenberg Missenye besucht. (Die Besuche von Mitgliedern der Kirchenleitung der NWD sind nicht mitgerechnet).
Als der Arbeitskreis Partnerschaft Missenye-Plettenberg dann vom geplanten Einsatz eines tansanischen Pfarrers erfuhr, der aus Bukoba stammt, und u.a. auch im Kirchenkreis Plettenberg arbeiten sollte, bemühte man sich um Plettenberg als Wohnort für die Familie, - und hat dies auch geschafft!. Der sechsjährige Aufenthalt (1997 bis 2003) von Familie Lugemeleza hier in Plettenberg war für uns ein großer Segen und hat zur positiven Entwicklung der Partnerschaft beigetragen. Wir konnten in unserer Sprache mit den Geschwistern aus der NWD über alles reden und so vieles über unsere tansanischen Partner lernen. Durch die Diplomarbeit von Pastor Edson Lugemeleza: "Geschwisterlichkeit braucht Beine" hat er in besonderer Weise bei uns allen zum Verstehen des Begriffs Partnerschaft = Udugu beigetragen. Wir verstehen uns als Geschwister, die durch den Glauben an Jesus Christus miteinander verbunden sind.
Im Jahr 2000 schlossen sich die Kirchenkreise Plettenberg und Lüdenscheid zu einem Kirchenkreis zusammen, es entstand der "Ev. Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg". Die Partnerschaft mit Missenye wurde dadurch nicht verändert; im Gegenteil: der Blick für die weltweite Gemeinschaft der Christen weitete sich durch die Partnerschaft des ehemaligen Kirchenkreises Lüdenscheid mit einem Kirchenkreis und einer Diakonissenschule in Indonesien. Beim Besuch aus Missenye 2002 waren zeitgleich auch Gäste aus Indonesien im Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg und es gab erste Begegnungen zwischen Christen und Christinnen aus drei Erdteilen.
Eine wichtige Aufgabe für uns alle und die weitere positive Entwicklung unserer Partnerschaft ist dies: Dass wir uns weiter gegenseitig besuchen, dass wir uns noch besser kennen lernen und dadurch viel voneinander lernen können; dass wir Verantwortung füreinander übernehmen, uns dabei auch gegenseitig auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen und uns so untereinander im Glauben stärken, dass wir nicht aufhören füreinander zu beten, dass wir unsere geistlichen und, wo nötig, auch materiellen Güter miteinander teilen im gemeinsamen Glauben an unseren Herrn Jesus Christus. Dafür bitte ich um Gottes Hilfe.