Ergebnisse der JubiläumstagungDr. Anthea Bethge
von Dr. Anthea Bethge

Am zweiten Tag der Evaluationsklausur, nach den Berichten und Thesen, haben wir Themenfelder mit detaillierten Fragestellungen identifiziert, die einer weiteren Beratung bedürfen. Es waren:
1. die interne Kommunikation in Plettenberg und Missenye,
2. die internationale Kommunikation zwischen Plettenberg und Missenye und
3. die Projektarbeit.
Drei gemischte Gruppen berieten über jeweils ein Themenfeld. Im Plenum haben wir dann die Berichte aus den Gruppen gehört, weitergedacht und auch einige Vereinbarungen getroffen.
Als Moderatorin der Tagung fielen mir zwei Dinge besonders positiv auf: Zum Ersten haben sich beinahe alle Anwesenden an der Auswertung aktiv mit Redebeiträgen beteiligt. Es war eine gute Entscheidung gewesen, die Tagung auf Suaheli und Deutsch zu veranstalten. Die Mühe der Übersetzung hat sich gelohnt. Dazu hat auch beigetragen, dass wir nicht nur im Plenum, sondern auch in Kleingruppen gearbeitet haben. Zum Zweiten wurden im Laufe der Zeit nicht nur die Schwierigkeiten in der Partnerschaft offen angesprochen. Es gelang auch, Kritik zu äußern und diese anzunehmen.
Zur Verbesserung der internen Kommunikation
Es ist gut, wenn Briefe und Berichte an einem Ort gesammelt und verwahrt werden. Dieser eine Ordner ist so etwas wie das Gedächtnis der Partnerschaft. Er bleibt, auch wenn die Personen wechseln. In beiden Kirchenkreisen soll der Schriftverkehr im Büro des Superintendenten / Pfarrers des Kirchenkreises gesammelt werden, was bedeutet, dass von jedem offiziellen Schriftwechsel jeweils eine Kopie dorthin gehen muss.
Auf beiden Seiten schien es wichtig, Gemeindeglieder anzusprechen, die bisher noch nicht an der Partnerschaft beteiligt sind. Dies soll zweimal im Jahr geschehen. Der Partnerschaftskreis in Plettenberg und der Partnerschaftsausschuss in Missenye schreiben einander zweimal im Jahr Berichte, aus denen dann Auszüge in den Ab-kündigungen oder in anderer geeigneter Weise in jeder Gemeinde veröffentlicht werden. So helfen die Kirchenkreise einander, den Gedanken der Partnerschaft zu verbreiten. Wenn möglich sollen beide Berichte in Deutsch und Suaheli vorliegen. Ist dies nicht möglich, so kann auch auf Englisch kommuniziert werden.
Delegationsmitglieder sind gute Multiplikatoren der Partnerschaft. Alle Gemeinden sollen aufgefordert werden, diese in ihre Gruppen einzuladen. Die Delegationsmitglieder selbst müssen dafür Zeit einplanen.
In Plettenberg konnten die Strukturen der Partnerschaftsarbeit so gestaltet werden, dass alle, die sich für die Partnerschaftsarbeit begeistern, aktiv im Arbeitskreis mitwirken und dort auch mitentscheiden dürfen. Dies sieht die deutsche Seite als großen Gewinn an. In Missenye hat der Partnerschaftsausschuss berufene Mitglieder, die aufgrund ihrer Position im Kirchenkreis ausgesucht wurden. So ist er gut in den Strukturen verankert. Beide Systeme sind verschieden und funktionieren auch verschieden. Es gab die Anregung, einander im nächsten Bericht das jeweils eigene System mit seinen Vor- und Nachteilen näher zu erläutern.
Zur Verbesserung der internationalen Kommunikation
Das größte Hindernis für die internationale Kommunikation sind die mangelnden Sprachkenntnisse. "Einander anlachen genügt nicht mehr." sagte ein Teilnehmer. Nach 20 Jahren Partnerschaft erwarten die Partner voneinander tiefergehenden und auch kritischeren Austausch.
Auf deutscher Seite ist es Pflicht für alle Delegationsmitglieder, einen Suaheli-Sprachkurs in Bethel zu besuchen und diesen auch zu bezahlen. Die erworbenen Fähigkeiten reichen nicht für ein intensives Gespräch, aber sie sind ein Anfang.
Auf tansanischer Seite gibt es bisher keine Möglichkeit Deutsch zu lernen. Es wäre ein neues, großes Projekt. Erfreulicherweise hat die VEM ihr Interesse daran bekundet, solche Sprachkurse zu fördern. Deshalb wurde vereinbart, dass der Kirchenkreis Missenye den eigenen Bedarf erkunden und mit der VEM ins Gespräch kommen soll. Es wäre erstrebenswert, wenn langfristig in jeder Gemeinde eine Person als Übersetzerin dienen kann. Evangelisten, Presbyter und Jugendliche sollten die Möglichkeit erhalten, Grundzüge der fremden Sprache zu lernen. Es wurde auch überlegt, ob ein Volontär der VEM dazu beitragen kann.
Auf ihren Reisen sollen die Delegationen Protokoll schreiben und diese der besuchten Seite in der eigenen Sprache zur Verfügung stellen. So erfahren die Besuchten mehr von den Eindrücken der Reisegruppen. Beide Seiten können sich so besser auf die zukünftigen Begegnungen vorbereiten.
Ein weiteres Hindernis in der internationalen Kommunikation sind die verschiedenen Kulturen und Traditionen. Missverständnisse in diesem Bereich sind oft schwer zu er-kennen und zu beheben. Das Ziel, die Verschiedenheiten als Bereicherungen wahrzunehmen, ist hoch gesteckt. Es wäre gut, wenn es in den Kirchenkreisen mehr Personen gäbe, die als Mittler fungieren könnten. Dies könnte dadurch gefördert werden, dass es mehr Personalaustausch gibt, auch für kirchliche Mitarbeitende, die keine Pfarrer sind.
Die deutsche Reisegruppe hat auch auf dieser Reise wieder erlebt, dass sie als Gäste in den Häusern fürstlich behandelt werden und nur wenig vom Alltag und seinen Mühen mitbekommen. Es kam die Frage auf, ob es bei einem längeren Aufenthalt möglich wäre, den Alltag mitzuleben.
Projekte
Es ist unumstritten, dass die Projekte eine große Bedeutung in der Partnerschaft ha-ben. Ebenso unumstritten ist, dass die Partnerschaft als solche, die Begegnung zwi-schen Christinnen und Christen über alle Grenzen hinweg und der gemeinsame Weg im Glauben das "wichtigste Projekt", ja das Wesen selbst der Partnerschaft ist.
Projekte können die Partnerschaft stärken:
- wenn sie gemeinsam durchgeführt werden,
- wenn Beiträge der anderen Seite dauerhaft die Erinnerung aneinander wach halten,
- wenn sie die Liebe Gottes, die wir gemeinsam empfangen und bezeugen, an Dritte weitergeben,
- wenn es ein Einverständnis nicht nur über die Lieferungen oder das einzusetzende Geld, sondern auch die Ziele des Projektes gibt.
Es wurde als Defizit angesehen, dass es kein Projekt, oder zumindest nichts, dass als Projekt beschrieben wurde, gibt, was in Plettenberg seinen Ort hat. Die deutsche Seite ist davon fest überzeugt, dass sie von der Partnerschaft im Glauben bereichert wird. Aber wie lässt sich das beschreiben? Wie gemeinsam planen, umsetzen und auswerten?
Es gab zwei Versuche, sprachliche und inhaltliche Klärung zum Begriff "Projekt" zu erreichen: es wurde zuerst eine Unterscheidung in Dauerprojekte und Einzelprojekte und Nothilfe gemacht. Dann wurden Programme, die langfristig sind und Menschen direkt dienen, von Projekten unterschieden, die kurzfristig sind und eher Objekte betreffen. Beide Unterscheidungen sind hilfreich. Doch beide verhindern nicht, dass ein und dasselbe Vorhaben von zwei Perspektiven angeschaut völlig anders aussieht. Was für die einen wie eine erfolgreich abgeschlossene Lieferung von Fahrrädern für Evangelisten (1992) aussieht, sieht für die anderen wie ein unzureichender Anfang und ein Verteilproblem aus, wenn die Zahl der Fahrräder nicht reicht. Die mangelnde Kommunikation über die verschiedenen Sichtweisen hat in diesem konkreten Fall da-zu beigetragen, dass nicht durch weitere Lieferungen in den Jahren danach nachgebessert wurde.
Es wurde vereinbart, dass bei zukünftigen Delegationen jeweils ein größeres Projekt mit ausreichend Zeit angeschaut und ausgewertet werden soll. Dazu sollen auch die Entscheidungsträger von beiden Seiten und die Projektverantwortlichen dabei sein. Solch eine Auswertung gemeinsam zu machen, ist sehr sinnvoll, denn deutsche Au-gen und tansanische Augen sehen verschiedenes. Außerdem sollen die Ziele und die Maßnahmen gemeinsam festgelegt und, wenn nötig, geändert werden. Für Projekte in Tansania möchte die deutsche Seite keine Entscheidungsbefugnis, wohl aber als Partner informiert werden. Sie möchte auch die anderen Partner kennen, mit denen der Kirchenkreis Missenye in den Projekten zusammenarbeitet.
Offenheit und Verschiedenheit
Die letzte der 10 Thesen spricht von der Offenheit der beiden Partner. Am Abend des Montags, am Ende der Auswertung und vor dem Festgottesdienst, war die Vertrautheit soweit gewachsen, dass beide Seiten einander offen über Irritationen mit Verschiedenheiten erzählen konnten.
Es wurden die Pfarrergehälter verglichen. Ein tansanischer Pfarrer muss 8 Jahre arbeiten, um das Monatsgehalt eines deutschen Pfarrers zu verdienen. Wenn die Maßstäbe so verschieden sind, wie können wir einander dann erklären, was für jede Seite nur sehr schwer finanzierbare und was leicht finanzierbare Projekte sind?
Es wurde die Erhaltung von Kirchengebäuden verglichen. Im Kirchenkreis Lüdenscheid-Plettenberg müssen Kirchen verkauft werden, auch jüngere, da der Unterhalt nicht mehr zu finanzieren ist. Das ist vor Ort schwer zu verkraften gerade für die Menschen, die vielleicht damals selbst Spenden zum Bau beigetragen haben. Was bedeutet das für die Finanzierung von neuen Kirchenbauten in Missenye?
Die Weisheit nachhaltigen Wirtschaftens ist in Tansania und Deutschland gleichermaßen bekannt. Es gibt ein tansanisches Sprichwort, dass wer den Riss in der Wand nicht repariert, die Wand einstürzen sehen wird. Doch wenn die verfügbaren Mittel nicht reichen, um den Lebensunterhalt der Mitarbeitenden heute zu finanzieren, verlieren Reparaturen, die auch morgen getan werden können, verständlicherweise an Priorität. Wie können wir einander verständlich machen, warum wir jeweils welche Prioritäten setzen? Werden wir einander auch dann beistehen, wenn wir zu verschiedenen Prioritäten kommen?
Es gibt keine fertigen Antworten auf diese Fragen. Aber die Fragen selbst können getrost als Zeichen dafür genommen werden, dass die Partnerschaft erwachsen geworden ist. Sie ist 20 Jahre alt und hat Kraft, Begeisterung und Selbstreflexion genug, um voll Vertrauen die nächsten 20 Jahre anzugehen.

Hier gibt es einen Bericht von Dr. Anthea Bethge und Pfr. Martin Schmitz-Bethge über die Tagung - vielen Dank. Beide arbeiten in Bukoba als ökumenische Mitarbeitende der Nordwest-Diözese der Evangelisch-Lutherischen Kirche. Anthea arbeitet als Friedensfachberaterin im Bereich Konfliktbearbeitung und Menschenrechte, Martin arbeitet als theologischer Lehrer.