Die Geschichte einer Glocke

Es ist das Jahr 1885. In Finnentrop, einem Dorf im Sauerland an der Mündung des Flusses Bigge in die Lenne, wird die Luther-Schule eingeweiht. Schüler und Schülerinnen bilden die erste Klasse der Evgl. Volksschule.
Sonntags sitzen die evangelischen Gemeindeglieder in den Schulbänken und feiern Gottesdienst. Eine kleine 120 kg Bronze-Glocke ruft die Gläubigen herbei. Sie trägt die Aufschrift:"Eine feste Burg ist unser Gott". Ein kleiner Turm beheimatet die 1884 von der Firma Rincker in Sinn/Dillkreis gegossene Glocke.
Im Jahr 1944 wurde die Glocke auf Anweisung der Nationalsozialisten erfasst und dem Provinzial-Konservator der damaligen Provinz Westfalen gemeldet.
Vermutlich lag es am geringen Gewicht, dass die Glocke nicht wie bei anderen Kirchen aus dem Turm geworfen wurde, um die Bruchstücke für die Herstellung von Kanonen und Granaten einzuschmelzen.
1962 wurde der jahrzehntelange Wunsch der Kirchengemeinde Wirklichkeit: am 1. Advent fand die Einweihung der Christuskirche statt. Ein Jahr danach bekam die Kirche ein Geläut mit vier neuen Glocken.
Jetzt konnte die kleine Glocke der Lutherschule, die unmittelbar unterhalb der Christuskirche steht und mittlerweile Gemeindehaus ist, mit dem Turm entfernt werden. Die Glocke wurde im neuen Turm der Christuskirche aufbewahrt. 1986 fiel dem Kirchmeister der Gemeinde Finnentrop die Glocke ins Auge. Durch seine Mitarbeit im Partnerschafts-Arbeitskreis der Kirchenkreise Missenye (Tansania) und Plettenberg kam ihm der Gedanke, die Glocke in den Partnerkirchenkreis zu geben.
Nach mehr als 110 Jahren hatte die Glocke ihren Klang nicht verloren. So geschah es, dass der tansanische Pastor Derrick DM Lwekika, der zu dieser Zeit in Dortmund weilte, die Glocke in einem Container mit nach Bukoba am Viktoriasee nahm. Von dort wurde sie in die Kirchengemeinde Kashozi transportiert. Die Kirche dort hatte zwar einen Turm, aber keine Glocke. Aus statischen Gründen konnte der Turm die kleine Glocke aber nicht aufnehmen.
So wurde ein Glockenstuhl vor der Kirche errichtet. Die Glocke läutet im Jahr 2000 zum Gottesdienst wie schon vor 116 Jahren. Ihr wunderbarer Klang schallt durch die Weite des afrikanischen Busches. Im Juli 2000 besuchte der Kirchmeister mit einer Delegation des Kirchenkreises Plettenberg den Kirchenkreis Missenye. Er durfte die Glocke zum sonntäglichen Gottesdienst läuten. Den Tag wird er nicht vergessen.
Übrigens: 1884 wurde die Glocke gegossen. 1884 begann die Christianisierung im heutigen Tansania in Ostafrika.

© Manfred Splitt