Festpredigt am 10. August 2004
gehalten von Pfarrer Uwe BrühlApg 3, 1-9: Petrus aber und Johannes gingen hinauf in den Tempel um die neunte Stunde, zur Gebetszeit. Und es wurde ein Mann herbeigetragen, lahm von Mutterleibe; den setzte man täglich vor die Tür des Tempels, die da heißt die Schöne, damit er um Almosen bettelte bei denen, die in den Tempel gingen. Als er nun Petrus und Johannes sah, wie sie in den Tempel hineingehen wollten, bat er um ein Almosen. Pet-rus aber blickte ihn an mit Johannes und sprach: Sieh uns an! Und er sah sie an und wartete darauf, dass er etwas von ihnen empfinge. Petrus aber sprach: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richte-te ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben.
Liebe Festgemeinde, liebe Schwestern und Brüder in unserem Herrn Jesus Christus!
Ein schönes Plätzchen hatte er da! Wer an dem Bettler vorbei ging, kam mit einem weiten Herz, denn sie wollten im Tempel beten. Beter lassen sich oft genug auf Hilfe ansprechen. Der Bettler saß zusammengesunken, den Blick nach unten gerichtet. Vielleicht sah er gerade die Füße und Beine der vorbeikommenden Gläubigen.
Petrus und Johannes waren ebenfalls auf dem Weg in den Tempel. Nach ihrer Gewohnheit wollten sie beten. Auch sie kamen nicht hinein, ohne am Tor diesem Bettler zu begegnen. Er bettelte, sie blieben stehen. Aber sie reagierten so völlig anders. Petrus und Johannes kramten keinen Geldbeutel hervor. Sie warfen dem Bettler nicht schnell ein paar Münzen, um ihr Gewissen zu beruhigen. Nein, Petrus blieb stehen und blickte den Mann an. Wie lange war so etwas nicht mehr geschehen! Mehr noch, Petrus forderte ihn auf: Sieh uns an!
Liebe Schwestern und Brüder, "Seht uns an!" Seit zwanzig Jahren steht diese Aufforderung als Überschrift über allen Partnerschaftsbesuchen in Missenye und Plettenberg. Seit dieser Zeit blicken sich alle zwei Jahre wieder völlig unterschiedliche Menschen in die Augen. Seit zwanzig Jahren geht es uns durch Briefe und Besuche hin und her wie Petrus und dem Mann an der Tempeltür: endlich beginnt ein Gespräch! Endlich gehen wir nicht mehr aneinander vorbei! Endlich blicken wir uns in die Augen, Menschen aus Tansania und Deutschland.
Aber in unserem Predigttext geht es um viel mehr als einander zu sehen. Es geht um viel mehr als miteinander ins Gespräch zu kommen. Plötzlich spricht Petrus diesen eigenartigen Satz: Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir (v6). Wie wird der Bettler enttäuscht gewesen sein! Das erhoffte Geld brauchte er. Nur damit konnte er überleben. Sonst gab es keine Hilfe für ihn. Bettler in Deutschland würden in solch einer Situation nicht schweigen. Als ich vor Jahren einem Bettler etwas zu essen anbot, lief er einfach weg. Er wollte Geld. Ein anderer Mann erzählte mir einmal, dass viele Bettler die geschenkten Nahrungsmittel einfach wegwerfen und dass sie schimpfen, wenn sie kein Geld erhalten.
Petrus verweigert dem Bettler Geld. Als ich darüber nachdachte und mir dieser Jubiläumsgottesdienst in den Sinn kam, bewegte mich bald der Gedanke an das Geld. Es ist seit Anfang an immer auch ein Thema in unserer Partnerschaft.
Die Sache mit dem Geld ist ja auch in der Partnerschaft so einfach. Wer Geld hat, gibt dem, der kein Geld hat und allen ist geholfen. Wirklich? Gewiss, Geld erleichtert vieles im Alltag des Lebens. Aber mehr geschieht nicht! Und manchmal endet der Segen des Geldes abrupt und böse. Wie am 8. Juni als unser Bruder Med. Ass. Godfrey Mugisha bei diesem schrecklichen Autounfall starb. Ihn hätten wir in diesen Wochen so gerne kennen gelernt. Seine Briefe hatten unsere Herzen bewegt. Wir spürten seinen Wunsch für die Patienten da zu sein. Nun aber ist er begraben und das Fahrzeug, dass doch Hilfe bringen sollte, war zerstört.
Der Bettler aus der Bibelgeschichte sammelt Geld. Er kann Nahrungsmittel kaufen und seiner Familie zum Leben helfen. Aber er bleibt immer draußen vor dem Tempel sitzen. Sein Leben lang bleibt er Bettler, an seinem Platz auf den Stufen des Tempels.
Da spricht Petrus weiter. Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Jetzt wird die Geschichte spannend. Petrus gibt alles was er hat, seinen festen Glauben an den Herrn Jesus Christus. Petrus gibt sein Fundament, den Grund auf dem er steht. Er fragt nicht einmal, ob der Bettler an Jesus Christus glaubt. Petrus glaubt an die Macht Jesu, er reicht dem Mann die Hand - und er steht mit eigenen Beinen fest auf dem Boden, zum ersten Mal!
Seit zwanzig Jahren nennen wir einander Partner, liebe Brüder und Schwestern. Seit zwanzig Jahren sehen wir uns immer wieder. Wir nehmen uns wahr. Jeden Monat trifft sich unser Arbeitskreis Partnerschaft in einem Raum der Johannis-Kirche Eiringhausen. Dabei erzählen wir uns zuerst alle bekannt gewordenen Neuigkeiten aus Missenye. Wir freuen uns über gute Nachrichten. Wir sind traurig über schlechte Nachrichten. Ihr, die Menschen aus Missenye, ihr liegt uns am Herzen. Wir denken viel an euch. Wir versuchen einander beizustehen, so gut wir das können. Aber genau an diesem Punkt liegt unser Problem miteinander. Wir reden anders. Wir meinen es anders, denn als Christen fühlen wir uns als gleichberechtigte Glieder am Leib Christi. Aber irgendwie schwebt über uns dieser Gedanke an das Geld. Die einen erwarten Silber und Gold und sehen in dem Geld ein gutes Heilmittel. Die anderen verlassen sich auf die Wirkmacht des wenigen Geldes. Langsam, ganz langsam, zu langsam erfahren wir diesen Weg als Sackgasse, als ausweglosen Weg. Den es ist der alte Weg, wie damals vor dem Tempel. Geld allein ändert nichts, es bleibt alles wie es war. Mal reicht das Geld für das Nötigste, mal fehlt es an allen Ecken.
Unser Predigttext zeigt uns den anderen Weg! "Ich glaube, dass Jesus Christus, dir auf die Beine helfen kann." Ich glaube es, auch wenn du es nicht glaubst. Wenn er dein Fundament ist, dann kannst du sicher stehen. Dann kannst du aufspringen, gehen und stehen, dann kannst du den Ort wechseln.
Der Bettler sprang auf. Er musste nicht länger vor der Tür des Tempels sitzen. Er ging in den Tempel. Er lobte Gott. Der Glaube des Petrus eröffnete ihm den Weg zu eigenem Glauben.
Wo stehen wir als Partner? Wer sind wir in der Partnerschaft? Ich glaube nicht, dass einer von uns nur der Bettler ist und der andere nur der Almosengeber. Aber wie ist das mit unserem Glauben? Ist unser Glaube so stark, so gegründet, so hoffnungsfroh, dass wir füreinander überzeugt sind: Jesus Christus verändert das Leben unserer Partner? - Wenn wir solch einen Glauben hätten, dann reichten wir einander die Hand, dass die Christen in Missenye aufspringen könnten und die Christen in Lüdenscheid-Plettenberg. Wenn unser Glaube an Jesus Christus so stark wäre, dass wir die Veränderung für die Partner glauben könnten, dann wäre das Lob Gottes viel wichtiger als Geld und gute Worte. Dann würden wir unserem Herrn vertrauen, dann würden wir uns ihm überlassen.
Liebe Schwestern und Brüder, zwanzig Jahre Partnerschaft Missenye-Lüdenscheid-Plettenberg das ist eine lange und auch eine gesegnete Zeit. Dankbar blicken wir heute auf die Jahre zurück. Wir freuen uns, dass wir als Christen einander so eng verbunden sind. Über viele tausend Kilometer und so viele Unterschiede eint uns der Glaube an ihn. Zugleich müssen wir miteinander vor Gott bekennen, dass uns auch in der Partnerschaft vieles wichtiger war als der Glaube an ihn. Gott gebe uns, dass seine Kraft in uns Schwachen stark wird. Gott öffne uns die Augen und die Herzen für Bibeltexte, wie diesen Predigttext, damit nicht sitzen bleiben und immer nur so weiter machen wie bisher. Gott öffne uns die Augen und Herzen für Bibeltexte wie diesen, damit wir aufstehen und losgehen. Es wird kein unbeschwerter und leichter Weg. Aber es wird ein Weg vom Glauben der anderen begleitet. Miteinander, als Geschwister sind wir auf dem Weg. Auf dem Weg aber braucht man Beine, deren Füße feststehen auf diesem einen Fundament: dem auferstandenen Herrn Jesus Christus.
Amen.