Wasser - In Tanzania etwas Kostbares

Vom 4. Juli bis zum 29. Juli 2000 besuchte unsere Delegation aus dem Kirchenkreis Plettenberg den Partnerkirchenkreis Missenye in Tansania. Wir trugen unsere Beobachtungen zum Thema Wasser zusammen.

"Karibu, karibuni!"- mit einem lächelnden Willkommensgruß streckt uns die junge Frau am Eingang der kleinen Lehmkirche eine Kanne mit Wasser entgegen und lädt uns zum Händewaschen ein. Sparsam rinnt das etwas trübe Wasser über die von Reiseanstrengungen und ausgiebigem Händeschütteln verschwitzten Handflächen. "Asante sana - Danke sehr!" sagen wir und greifen danach zu dem kleinen Handtuch, das für alle bereitgehalten wird. Wasser ist hier im Nordwesten von Tanzania ein sehr rares Gut. Aber das Säubern der Hände vor Tee und Mahlzeit gehört zu den selbstverständlichen Pflichten eines jeden guten Gastgebers. - Seit über drei Wochen ist unsere kleine Delegation aus Plettenberg nun schon in den vier Großgemeinden unseres Partnerkirchenkreises Missenye unterwegs. Und allerorten weisen vertrocknete Pflanzungen und unterentwickelte Maisstauden auf die bedrückende Trockenheit hin. Die letzte Regenzeit ist leider sehr mager ausgefallen - ganz im Gegensatz zu den schlimmen Monaten vor zwei Jahren, als sintflutartige Regenfälle die Ernte vernichteten..- Lange vor unserer Reise schrieb uns eine Freundin aus Tanzania: "Das Wetter ist gerade gut". Später stellte sich heraus, dass es dort zu diesem Zeitpunkt regnete. Im Gegensatz zu Deutschland, wo der Regen eher als lästig empfunden und als "schlechtes Wetter" bezeichnet wird, bedeutet Regen also Gutes in Afrika: viel neues frisches Wasser, das Ende der Trockenzeit und die Aussicht auf eine hoffentlich gute Ernte. Als wir als verwöhnte Europäer in dieses Land kamen, in dem zur Zeit Trockenheit herrschte, wurde uns ziemlich schnell bewusst, wie wenig wir eigentlich von der Wassermenge benötigen, die wir hier in Deutschland tagtäglich verbrauchen...-

"Welcome our vis`tors - Herzlich willkommen, liebe Gäste!" - der Gesang der kleinen Sonntagsschulkinder reißt uns einen Moment aus den Gedanken: mit teils strahlenden, teils ernsthaft konzentrierten Gesichtern und wiegend-stampfenden Schritten tragen sie ihr mühsam gelerntes englisches Begrüßungslied vor. Auf dem Weg hierher haben wir viele Kinder gesehen, oftmals mit gelben Plastikkanistern auf dem Kopf. Wasser wird in Missenye in den meisten Fällen mit großen oder kleineren Kanistern von der nächsten Pumpe oder vom Wasserloch geholt. Geht der Verschlussdeckel eines Behälters dabei einmal verloren - kein Problem: das Spundloch wird einfach mit einer dichtschließenden grünen Banane verschlossen. Die Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, tragen den Kanister fast immer auf ihrem Kopf. Meistens sind es die Frauen und Kinder, die einen großen Teil des Tages damit verbringen, genug für ihre Familie nach Hause zu tragen. Manchmal wird das Wasser auch von alten klapprigen Tankwagen aus kleineren Teichen abgepumpt und in die umliegenden Dörfer gebracht. Hier haben wir auch einmal Kinder beobachten können, die großen Spaß daran hatten, in diesem kleinen Teich zu baden, bevor sie wieder den langen Nachhauseweg mit ihrem vollen Kanister antraten. Während unserer Reise hatten wir zwar als Gäste fast immer die Möglichkeit, soviel Wasser zu bekommen, wie wir wollten. Doch als wir einmal fragten: "Wo kommt das Wasser eigentlich her?" machte uns die Antwort doch sehr nachdenklich: "Aus einer Entfernung von 6 km." 6 Kilometer, die - wenn man etwas wohlhabender ist - mit dem Fahrrad und ansonsten natürlich zu Fuß zurückgelegt werden müssen! Da kommt man schon ins Grübeln und überlegt genau, wieviel Wasser man denn nun wirklich braucht. Wir hätten uns das vorher sicher nie vorstellen können: eine Wasserschüssel mit etwa vier Litern Inhalt lässt uns darüber nachdenken, was zunächst einmal am wichtigsten zu reinigen wäre. Zuerst mal uns selbst, aber was noch? Lieber die Socken oder doch besser die Haare? Für beides würde es wahrscheinlich nicht reichen. Trotzdem war es herrlich, sich morgens und abends waschen zu können und sich anschließend so richtig sauber zu fühlen! Wir wurden nämlich während dieser trockenen Zeit im Laufe des Tages von der roten Erde ziemlich "staubig". So lernten wir schnell, uns einfach über jeden Tropfen Wasser zu freuen, der da war. Wir begannen uns auch Gedanken zum assersparen zu machen: als erstes schütteten wir gebrauchtes Wasser nicht mehr einfach weg, sondern nutzten es zum Nachspülen für die Toilette. Und bald tauchte auch die Frage auf: "Ist gebrauchtes Wasser mit etwas Seifenschaum auch zum Gießen im Garten geeignet?" Wobei wir als Gäste sicherlich im "Wasser-Luxus" gelebt haben; unsere Gastfamilien nutzten es bestimmt sparsamer als wir. -

"Do you want water?" - der tanzanische Pfarrer streckt mir lächelnd eine der durchsichtigen Plastikflaschen entgegen, die man für die Gäste extra in Kashozi eingekauft hat. "Oh yes, thank you - asante sana!" Das erfrischt! Es gibt für uns Besucher auch Cola und Limonade, aber einfaches Trinkwasser stillt am besten den Durst. Es kostet übrigens oftmals mehr als die süßen Limonaden und ist für "Normalsterbliche" unerschwingliches Luxuslebensmittel. Das normale Wasser zum Trinken von der Wasserstelle muss natürlich grundsätzlich abgekocht werden. Gerade in den Flussregionen muss es lange erhitzt werden, um trinkbar zu sein. Hier in der Gegend ist der Kagera-River der größte Fluss. Zur Zeit führt er allerdings nur sehr wenig Wasser. Zweimal im Jahr gibt es eine Regenzeit, in der es normalerweise wochenlang viel Regen gibt. Einige wenige reiche Familien haben große Wassertanks zum Auffangen des Regenwassers gebaut, um sich auch in der trockenen Zeit mit Wasser versorgen zu können. Wer einen großen Tank hat oder nah bei einem Fluss wohnt, kann dann auch Wasser zum Gießen verwenden und damit ein Vertrocknen der Mais-, Kaffee- und Bananenpflanzen verhindern, was wiederum für die Ernährung der Familie wichtig ist. In vielen Gemeinden gibt es einen Tank auch neben der Kirche, der Dispensary oder anderen kirchlichen Gebäuden. Der Bau eines solchen Tanks kostet aber viel Geld. Und viele Wasserbehälter sind bereits wieder undicht...

Gestern haben wir auf unserer Reise überraschend einen der ersten Regentage nach der langen Trockenzeit miterlebt. Wir konnten uns richtig darüber freuen, weil man einfach spürt, wie die ganze Welt um einen herum plötzlich zum Leben erwacht: Sofort nach Einsetzen des Regens kamen viele Menschen aus ihren Häusern gelaufen und versuchten, wo immer es möglich war, das Wasser in allen zur Verfügung stehenden Behältern aufzufangen. Und während wir unter dem Vordach unserer Unterkunft in Kashozi fasziniert dem Trommeln der schweren Tropfen auf dem Blechdach lauschten, lief winkend ein Junge in seiner Schuluniform an uns vorbei, hüpfte in eine frische Pfütze und freute sich ganz offensichtlich über das erfrischende Nass. Ja, Regenwetter ist gutes, weil Leben ermöglichendes Wetter. Regen bringt Segen - nach über drei Wochen gemeinsamen Lebens mit unseren tanzanischen Schwestern und Brüdern wissen wir Gäste aus dem regnerischen Sauerland das alte Sprichwort ganz neu zu schätzen. Und so sind wir an diesem Tag auch nicht verwundert, als der Evangelist unserer Gastgebergemeinde das Dankgebet nach dem Essen mit den Worten beginnt: "Thank you, o Lord, for the rain, thank you for the water, thank you for your mighty love..." Wir haben von ganzem Herzen mitgedankt: für Wasser und Regen, für Nahrung und alle Bewahrung, und für die Liebe und Gastfreundschaft unserer tanzanischen Geschwister.

© Britta Ziegelhöfer, Manfred Splitt, Andreas Schliebener, Nadine Nölke, Ursula Büsing.